













FÜR IMMER 16 – FOREVER 16
Ein Film von/a movie by Brezel Göring
2026 – Deutschland, 74 min.
Mit/With Lilith Stangenberg, Chang Wang, Mücke, Twiggy, Anton Garber
Florence Scott-Anderton diskutierte mit Brezel Göring, um herauszufinden, wie FÜR IMMER 16 entstanden ist.
Brezel Göring ist eine unersetzliche Persönlichkeit der Berliner Musik- und Kunstszene. Von den frühen 1990er-Jahren bis weit in die 2010er hinein bildete Göring eine Hälfte von Stereo Total, der vielgeliebten Band, die er gemeinsam mit seiner Partnerin Françoise Cactus anführte. Das Duo erarbeitete sich von Amerika bis nach Frankreich (der Heimat von Cactus) einen Kultstatus – dank seiner enthusiastischen DIY-Haltung und des fruchtbaren Zusammenspiels genreübergreifender Experimente. Seit Françoise Cactus 2021 auf tragische Weise verstarb, widmet sich Göring dem Vermächtnis der eigenwilligen künstlerischen Sensibilität seiner Partnerin. Sie war eine leidenschaftliche Schriftstellerin, und Göring stieß bald auf eines ihrer unveröffentlichten Bücher. Für immer 16, der am 27. August in die Kinos kommt, ist Görings filmische Elegie auf dieses wiederentdeckte Werk. Es ist ein roher, psychedelischer Fiebertraum, untermalt vom Soundtrack von Stereo Total, der einen fragen lässt, warum es nicht viel mehr Filme dieser Art gibt.
Florence: Also, Brezel, dein Ruf hier in Berlin eilt dir voraus! Stereo Total ist Teil der DNA der Stadt, genauso wie all deine Projekte und Kollaborationen, die damit verbunden sind. Aber heute sitzen wir hier, um über dein Regiedebut des Spielfilms Für Immer 16 zu diskutieren, erzähle mir, wie bist du zu diesem Film gekommen?
Brezel: Das war reiner Zufall. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich bei Stereo Total gespielt, zusammen mit meiner Partnerin, Françoise Cactus. Wir haben 1992 angefangen, genau hier in diesem Proberaum im Keller, wo wir jetzt gerade sitzen. Ich hatte mich auch vorher schon kreativ betätigt, aber als Françoise in mein Leben getreten ist, hat sich mein Geschmack und meine Sicht auf die Dinge geschärft. Wir gingen in unzähligen Ländern auf Tour und ich griff all die visuellen Aspekte auf und machte daraus Musikvideos mit Super 8. Einmal wurden wir gefragt, in einem Theater hier in Berlin zu spielen. Ich sagte zu Françoise, na ja, wir brauchen ein Vorprogramm. Also schrieb ich ein Drehbuch über Patty Hearst, das genau 30 Minuten lang war und danach haben wir das Konzert gespielt. Später wurde ich gebeten, ein Radiohörspiel daraus zu machen und das war das erste Mal, dass ich ein richtiges Drehbuch verfasst habe, eine Stunde Patty Hearst. Mein Titel “Früher oder später werden wir alle Terroristen” kam beim Radio nicht so gut an, also wurde es geändert in “Patty Hearst, Prinzessin und Terroristin”.
Florence: Es gab also von Bandgründung an immer Kreuzungen mit anderen Kunstformen, die mit eurer Musik in Interaktion standen?
Brezel: Ja, genau, und Françoise begann, Bücher zu schreiben. Zu einem Zeitpunkt fragte mich ihr Verleger, ob ich nicht auch ein Buch schreiben wollte, und ich sagte JA. Es war ein Theaterstück (“Unbehagen in der Mittelstufe”) und ich habe meine Liebe zum Dialog Schreiben entdeckt, ich mag es, Geschichten zu erzählen. Aber mit Stereo Total waren wir immer so viel unterwegs, da habe ich das nicht weiterverfolgt. Als 2021 Françoise gestorben ist, nahm ich mir alte Aufzeichnungen wieder vor, die ich hier und da notiert hatte und begann eigene Liedtexte zu schreiben und nur für mich total viel Musik zu komponieren. Vorher hatte Françoise größtenteils die Lyrics geschrieben, nun war ich auf mich allein gestellt und es war eine gute Methode, den inneren Druck rauszulassen. Etwa zu dieser Zeit war ich dabei, Françoises Sachen zu sortieren. Ich verpackte alles in Kisten und begann eine Ordnung in ihr wundervolles Archiv zu bringen, unterstützt von meiner Freundin Tiffy GoGo. Das war der Moment, als wir plötzlich diesen kompletten Roman fanden, den Françoise geschrieben hatte. Ich erinnere mich, dass sie 15 Jahre daran schrieb, aber er wurde nie veröffentlicht. Also nahmen wir einige Auszüge davon, suchten gleichzeitig einen Verlag und brachten ihn heraus. Der Roman heißt “ Oh Oh Mythomanie”. Ich dachte mir, vielleicht sollte ich in die Filmbranche gehen, Regisseur werden und einen Film aus diesem Buch machen! Also fragte ich Stephan (Holl, Co- Managing Director von Rapid Eye Movies, Filmemacher und Produzent von Für Immer 16 und, vielleicht am wichtigsten, ein enger Freund von Brezel), den ich seit etwa 2008 kenne.
Florence: Wie bist du im Rapid Eye Universum gelandet? Ich habe das Gefühl, sie haben ihre ganz eigene Art, gleichgesinnte Menschen ausfindig zu machen.
Brezel: Er hat uns mit Stereo Total angefragt, Musik zu machen für das japanische Pink Movie Musical Underwater Love (2011), gedreht von Christopher Doyle. Wir fanden die Idee großartig. Seitdem habe ich immer wieder für Filme, die sie machen, Musik beigesteuert. Also habe ich ihn gefragt, ob er einen Film produzieren würde, den ich machen will. Ich sagte zu ihm, es soll vage auf einer Geschichte aus Françoises Buch basieren. Und ich will es komplett auf Super 8 drehen. Er war einverstanden, also habe ich den Roman von Françoise genommen, jede Menge verändert und es in ein Drehbuch umgewandelt.
Florence: War das schwierig?
Brezel: Nein. Ich arbeite intuitiv und sehr schnell. Und ich hatte schon im Kopf, wie die Personen sprechen würden. Deshalb war es leicht für mich, einfach aus ihrer Perspektive zu schreiben. Außerdem hat es geholfen, dass jede Figur in Françoises Buch eine echte Person zur Vorlage hatte und ich sie alle kannte. Ich entschied mich viel zu verändern, sodass sie nicht allzu stark an die realen Personen erinnern. Aber ich wusste schon wie sie sein würden, wie ich sie reden lassen wollte. Ich meine, der Roman ist lang, aber mein Drehbuch hat nur 50 Seiten, ich habe viel weggelassen und nur die Fünkchen behalten, die den Bildschirm zum Glühen bringen. Mir war es wichtig, dass die Psychologie zu sehen ist, die Françoise schrieb; dass vernünftige Charaktere und extreme Charaktere sich absolut gegensätzlich verhalten.
Florence: Ich würde das gerne mit dir im wörtlichen Sinne diskutieren. Der Film ist vom Klang unglaublich eindringlich, er hat diesen Overdub-Effekt, wie eine knisternde Radiosendung, leicht verzerrt, es zeigen sich so viele Gefühle und Geschehnisse während der dialog, mit diesen brillanten minimalen Verzögerungen. Zusammen mit Super 8 fühlt es sich wie ein Mitternachtsfilm an.
Brezel: Stimmt, ich wollte nicht Proben, also habe ich mich mit jeder Schauspielerin zu zweit getroffen, zwei Mikrofone aufgestellt und einmal mit ihnen das komplette Skript durchgegangen. Ich habe sie einfach vorlesen lassen, wie es gerade kam, aufgenommen, und das ist im Wesentlichen das, was im Film zu hören ist. Sie haben also die Sprachaufnahmen vor den Dreharbeiten gemacht. Nach jedem Drehtag haben wir die gefilmten Szenen nachgespielt und am selben Tag synchronisiert. Somit hatte ich eine zweite Version. Und als ich beim Filmschnitt war, habe ich alle zu einer Vorführung eingeladen und sie gebeten, zu versuchen, synchron ihre Münder dazu zu bewegen. Ich hatte also im Grunde drei Tonspuren, zwischen denen ich hin- und herspringen konnte, und benutzte letzten Endes hauptsächlich die früheste Version. Ich weiß nicht warum, aber es funktioniert. Es bereichert das Ganze.
Florence: Es war ja Françoises Geschichte, deine Hommage an ihren unentdeckten Roman, hattest du eine Vorstellung von der Atmosphäre, die du erschaffen wolltest? Habt ihr zusammen Filme geschaut? Gab es Momente, wo du dachtest, ich will, dass die Stimmung eines bestimmten Films gespiegelt wird oder ist die Ästhetik spontan am Set entstanden?
Brezel: Wir waren beide davon besessen, Filme zu schauen, dafür ging irre viel Zeit drauf, wir hatten ein Abo beim Videodrom- Verleih, so konnte ich jeden Tag Filme holen. Françoise hatte Bücher mit Listen von allen Filmen, die sie noch sehen wollte, also war ich ständig dort. Françoise hatte selber eine große Sammlung, größtenteils DVDs und davor VHS-Kassetten, sie schaute nicht gern online Filme. Oft tauchten wir komplett ab in das filmische Gesamtwerk eines Regisseurs und schauten alles, was es gab.
Florence: Oh, ich liebe das.
Brezel: Es hat uns auch auf viele neue Ideen gebracht, Françoise ist wirklich darauf abgefahren. Ich meine, sie hatte sowieso immer viele chronische Krankheiten, aber zu diesem Zeitpunkt ist sie sehr oft krank geworden, und sich auf Filme und Bücher zu konzentrieren war da etwas, was ihr wirklich geholfen hat, diese Qualen auszuhalten. Weil sich ihr Geist permanent auf interessante Dinge konzentrieren konnte. Das war ein großer Teil unseres Lebens. Ich erinnere mich an Nächte, wo wir einfach einen Film nach dem anderen schauten.
Florence: Irgendwelche Favoriten?
Brezel: Zu der Zeit gingen wir jeden Regisseur durch, an einem Tag war es bspw. Cassavetes, ich habe seine Herangehensweise sehr genossen, wie frei es technisch umgesetzt ist.
Florence: Es ist ziemlich frei. Wie sie da alle durcheinander rennen.
Brezel: Außerdem haben wir die Filme von Andy Warhol geschaut. Ich erinnere mich, dass wir sie sogar zweimal gesehen haben, erst auf VHS, der Sound war grauenhaft! Dann auf DVD und mit dieser Neuausgabe war es so, wow, es ist glasklar, plötzlich kann man die Worte verstehen! Ich denke an Buñuel, all seine Phasen. Ich liebe es, wie er Menschen zeigt, ich mag es auf so vielen Ebenen. Und Françoise, sie stand sehr auf Truffaut. Sie mochte die Franzosen, Chabrol, usw. und ich würde sagen, von all denen war Goddard sogar an letzter Stelle. Obwohl wir Weekend (Goddard’s Film von 1967) sogar mit Stereo Total aufgeführt haben. Ich habe die Musik rausgenommen und einfach nur die Dialoge und ein paar Geräusche drin gelassen, fertig. Dazu haben wir einen komplett neuen Soundtrack gespielt.
Florence: Alles analog?
Brezel: Es war von einer VHS Kassette, wir haben es in Berlin vorgeführt und wurden dann nach Frankreich eingeladen, aber sie meinten, sie müssten vorher um Erlaubnis bitten. Sie fragten Goddard, der damals noch lebte, und er war einverstanden. Ich erinnere mich auch, dass ich es sehr genossen habe, als Françoise sich den ganzen John Waters Katalog vornahm.
Florence: Es gibt eine Essenz von Waters in deinem Film, so eine Art Stimmung.
Brezel: Es ist auf eine Art Teil meiner DNA, weil ich die Filme so viele Male gesehen habe und wir uns permanent über alles austauschten, was wir sahen. Und als ich diesen Film gemacht habe, wollte ich schnell fertig werden und einfach drehen. Also dachte ich mir, wir machen es auf eine Art, wo alles ganz schnell geht und bei Super 8 muss man sich keine Sorgen machen, es sieht sowieso total gut aus. Als ich den Film gesehen habe, erinnerten mich manche Teile tatsächlich an Filme, die ich gesehen hatte, besonders von John Waters.
Florence: Wusstest du vorher, welche Lieder du auswählst? Es ist ein guter Moment zu erwähnen, dass der Soundtrack aus einigen der besten Stücke von Stereo Total besteht.
Brezel: Beim Schnitt dachte ich, okay, ich schau mir die visuelle Wirkung an und stelle dann den Soundtrack zusammen. Ich hatte vorher einige Songs aufgenommen. Als ich dann den Film sah – dadurch, dass die ursprüngliche Geschichte von Françoise stammte und sie sich darin auch selbst beschreibt – zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich würde gerne die Stimme derer erklingen lassen, die nicht mehr hier sein können. Also habe ich Stereo Total Lieder mit dem Gesang von Françoise ausgesucht, sodass durchgehend ihre Stimme zu hören ist, als ein zusätzlicher Charakter. Ich habe eine richtige Manie entwickelt, die vorherige Musik rausgeworfen und immer mehr Stereo Total eingebaut. Außerdem, es ist meine Band, meine Musik, bei mir liegen alle Rechte. Ich muss nur den Schrank öffnen und da gibt’s hunderte Songs kostenfrei und ich kann immer noch tiefer graben. Teils korrespondieren die Lyrics direkt mit der Erzählung, manchmal weniger offensichtlich. Ich habe intuitiv entschieden.
Florence: Erzähl mir mehr über das Verfahren. Ihr wart in Palermo, nur knapp eine Woche?
Brezel: Als ich angefangen habe zu drehen, hatte ich kein bestimmtes Ziel vor Augen. Ich dachte mir, okay, wir filmen einfach und schauen, wie es läuft. Wir urteilen hinterher, wenn wir sehen, was wir haben, ich weiß, dass Super 8 nicht so zuverlässig ist. Manchmal hat die Kamera einfach nicht mitgefilmt, es gibt Szenen, von denen ich weiß, dass wir sie gefilmt haben, aber sie sind einfach nicht da. Aber das macht nichts, es gibt genug Material.
Florence: War die ursprüngliche Geschichte von Françoise eine Biographie oder ein Rückblick auf ihr eigenes Leben? Du hast erwähnt, dass ihre Figuren Adaptionen von echten Menschen waren. Denn im Film sind sehr universelle Dynamiken von Freundschaft dargestellt. Liliths Charakter Charlotte erlangt Anerkennung mit ihrer Schauspielkarriere. Die drei Freunde waren früher zusammen die experimentelle Filmgruppe “Les Enfants Terribles”, haben sich aber bitter überworfen. Ihre Freunde stecken immer noch in der Flaute jener Zeit fest, dem Unbehagen nach dem Kunsthochschulabschluss, pleite und ein bisschen neidisch …
Brezel: Françoise hat sich Menschen so vorgestellt. Ich meine, sie selbst war gar nicht so. Es ist eine Geschichte, sie sah sich, aber was sie beschrieb, war nicht sie selbst. Die Hauptfigur ist auf eine Art monströs, sie hat sich damit amüsiert und ich habe das sogar noch überzeichnet. Es ist eine Geschichte darüber, weiterzukommen und zurückzulassen. Das sind sehr menschliche Eigenschaften, sogar wenn sie negativ sind, ist das interessant.
Florence: Du hast meisterhaft all diese Genre-Riffs angespielt, hier Russ Meyer, da ein wenig John Waters, dort die Stimmung von einem DIY Punk Konzertmitschnitt, aber es gibt auch tiefe, zärtliche Gefühle, ausstaffiert mit einer gehörigen Portion Komik und Selbstironie. Aber es stimmt, besonders wenn Menschen Kunst machen, gibt es schnell die Perspektive, oh, den anderen geht’s ja gut, aber ich bin am Ende, bei mir reicht das Geld immer noch nicht. Andererseits, was heißt das schon, gut gehen, wenn man im Kreativbereich arbeitet.
Brezel: Klar, die Leute werden nervös und neidisch. Aber genau da wird’s interessant.
Florence: Und beim Casting, hattest du das schon klar vor Augen, wer welche Rolle spielen würde? Wen du unbedingt bei dem Projekt dabeihaben wolltest?
Brezel: Ich agiere aus einem Umfeld heraus, in dem ich ohnehin künstlerisch tätig bin, eine Fusion der Energie der Leute um mich herum. Da wären Mücke, Twiggy, Anton und von meiner Band noch Lilith, mit der ich begonnen hatte, Musik zu machen und Chang Wang, sie spielt Schlagzeug. Mit den beiden hatte ich bereits ein sehr gutes Verhältnis. Ich hatte so viel Vertrauen, weil ich sie gut kenne, sie waren einfach perfekt für mich. Die Art, wie wir Musik machten, war wie drei kleine Kätzchen, die zusammenspielen. Lilith ist eine fantastische professionelle Schauspielerin, der ich sowieso unglaublich gerne zuschaue und so hatte ich schon mal die beiden, aber ich wusste noch nicht für welche Rollen. Ich schlug dazu einen Freund für den schwulen Typ vor, plus einen alten Freund, mit dem ich gern drehen wollte. Ich schrieb weiter am Skript, entwickelte verschiedene Versionen, tauschte die Personen hin und her, alle waren an allen Positionen. Ich glaube, eine Woche bevor wir nach Palermo zum Dreh reisten, entschied ich, dass Twiggy den jungen Typen spielt, in den sich alle verlieben. Dann dachte ich, wenn ich Chang Wang einen Bart male, klar, dann ist sie der schwule Typ. Und meine Freundin Tiffy hat eine Tochter, die manchmal ihre Freundin Mücke mitbrachte. Ich fand immer, dass sie ein sehr interessantes Gesicht und eine sehr extreme Stimme hat. Also fragte ich kurz vorher die Tochter meiner Freundin, was denkst du, würde Mücke in meinem Film mitspielen? Sie war einverstanden, aber da sie erst 17 war, musste ich mit ihrer Mutter sprechen. Die Eltern stimmten zu und so kam sie mit und der Cast war komplett.
Florence: Und warum Palermo? Stammt das aus der Vorlage von Françoise?
Brezel: In den 90ern waren wir in Lanzarote, wo ihr Roman handelt. Damals war die Insel etwas heruntergekommen. Ich schaute mir aktuelle Fotos an und dachte, wow, es ist schicker geworden, nicht so rau wie ich es brauche. Als ich auf die Idee kam, den Film zu drehen, war ich mit Tiffy im Urlaub in Palermo. Es ist ein wundervoller Ort. Sie las mir Onlinerverrisse über Strände vor, verfasst von Deutschen, die sich über den grässlichen Zustand beklagten. Wir dachten uns, genau der richtige Ort. Als wir ankamen, war es sogar noch schlimmer! Also beschloss ich, wir gehen nicht nach Lanzarote. Auf nach Palermo, ich kenne alle guten Drehorte. Tiffy machte mir eine Karte, wo jede Stelle verzeichnet war, an der ich filmen wollte – alles in Laufnähe. Dann buchte sie uns diese traumhafte Wohnung mit vielen verschiedenen Zimmern, wo wir alle Innenszenen drehen konnten.
Florence: Und hast du vorab ein Storyboard verfasst?
Brezel: Nein, kein Storyboard. Ich ging von Raum zu Raum, platzierte alles so, wie ich es gut fand, bat die anderen herein, drehte die Szene und ging manchmal sogar schon während sie filmten, ins nächste Zimmer, um dort zu dekorieren. Dann ließ Stephan die Kamera laufen, fand das passende Licht, eine stimmige Komposition, und setzte es in die Tat um. Wir hatten nicht einmal extra Lampen, die meisten Zeit gibt es dieses traumhafte Sonnenlicht, die Unterkunft war sehr hell. Ich hatte eine Tasche voller Accessories, damit versteckte ich alles, was hässlich war und fertig – es war nicht wirklich geplant.
Florence: Woher kommen die Kostüme? Alle sehen einfach großartigaus.
Brezel: Alle Beteiligten sind ohnehin immer wahnsinnig gut angezogen. Es gibt jede Menge selbstgemachte Kleidung, bei keinem wirkt das so authentisch wie bei den involvierten Personen. Ich fand das perfekt. Zwei Tage vor der Abreise bat ich alle, mit fünf Kostümen vorbeizukommen. Die Tochter meiner Freundin begleitete uns die ganze Zeit und machte nummerierte Fotos von allen. Die Nummern standen in Verbindung mit den Szenen im Skript, also musste ich einfach sagen, holt Kostüm Nummer Fünf raus. Es war sehr schwierig für den Cast, sie mussten sich auf der Straße umziehen, es gab kein Filmset, aber das war ihnen egal, sie wechselten die Kostüme und auf ging’s zur nächsten Szene, wir waren irre schnell. Am Strand haben wir total viele verschiedene Szenen gedreht. Ich liebe es.
Florence: Ein richtige Gemeinschaftsleistung?
Brezel: Also, Lilith hat immenses Wissen über Theater und Film. Beispielsweise sagte sie, ein rotes Kleid steht für Tragik. Das ist toll, wie wahr. Und ich sagte, weil du sauer auf die anderen bist, gehst du in dein Zimmer. Sie sagte, nein, ich gehe in den Schrank im Zimmer. Das ist brillant. Sie war eine große Hilfe bei vielen Dingen, an die ich nicht einmal dachte. Außerdem war Stephan, der die Kamera führte, eine große Hilfe, weil ich mich manchmal verliere und denke, die Dinge müssten anders gemacht werden. Ich sah, wie er aus wirklich seltsamen Winkeln drehte und sagte, Stephan, können wir diese Szene wiederholen? Also drehten wir erneut aus meiner Perspektive, aus einer Höhe von zwei Metern. Ruhig stimmte er zu, es war die einzige Szene, die wir doppelt drehten. Später, beim Filmschnitt, merkte ich, dass die aus meiner Perspektive total langweilig aussah. Dagegen die von Stephan: gefilmt von unten, alle vier Gesichter sind in einem wirklich tollen Winkel erfasst, im Hintergrund sieht man die Stadt, das Licht ist traumhaft und ich dachte, wow, ohne ihn hätten wir nichts. Es ist ein großartiges inspirierendes Miteinander, Stephan und Lilith haben viel eingebracht. Stephan hat einen sehr guten Blick, genau deswegen habe ich ihn ursprünglich für die Kamera gefragt, weil ich sehe, wie er auf so viele Details reagiert, die mir nie aufgefallen wären. Lilith hat dieses gigantische Wissen über Darbietung und was sie mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme machen kann, eine Verlängerung der Persönlichkeit, die sie spielt. Das ist ein großer Teil des Films, der nicht von mir kommt, sondern von den Mitwirkenden.
Florence: Das scheint mir nur sinnhaft bei deiner Persönlichkeit und deiner Arbeitsweise im Verlauf der Jahrzehnte. Mein Gefühl, nachdem ich den Film gesehen hatte – ich schrieb Stephan umgehend nach der Privatvorführung im Februar – und alles, was ich sagen konnte, war, was für eine wilde Reise! Klar, es gibt all diese Querverweise und Punk-Energie, aber gleichzeitig gibt es eine echte Zartheit im Film. Klar, die Charaktere sind hinterhältig und gemein zueinander und es gibt Eifersucht und viele ungelöste Gefühle, aber gleichzeitig gibt es Humor und darunter eine tiefe Verbundenheit, das Gute und Schlechte von Freundschaften. Es ist toll, dass er im Sommer erscheint, es fühlt sich wie ein richtig heißer Sommerfilm an. Brezel: Genau das hat Stephan auch gesagt. Ich dachte mir, warum nicht im Winter die Leute aufwärmen? Aber jetzt ist es mir auch total offensichtlich!
Florence: I wanted to discuss this with you in a literal sense. The film is incredibly immersive sonically, it has an overdubbed effect, like a scrambled radio station, tuned out slightly, there’s so many feelings and actions happening within the dialogue, with these brilliant ever so slight delays. Alongside the super 8 it feels like a midnight movie.
Brezel: Yeah, I didn’t want to do rehearsals, so I met with every actor. I met them two by two, and I set up two microphones and just went once with them through the script and let them read it out however it came to them. I recorded and this is basically what is heard in the film. And then we went straight into filming, so they were doing the talking before the movie. Then after every day of filming we re-played the scenes that we filmed and dubbed it the same day. So I had a second version of everything. And then when I went to cut, I let them watch the movie and tried to get them to move their mouths in sync. So basically I had three tracks; one, before filming, one right there on set and one afterwards. So I was switching it around, mainly using the early ones. I don’t know why but it works. It adds to it all.
Florence: I knew it was Françoise’s story, your homage to this undiscovered book, did you have an idea of the atmosphere you wanted to achieve? Did you and Françoise watch movies together? Were there moments where you were like, ah I want it to feel like a particular kind of picture, or did aesthetics form on set?
Brezel: I mean we were both obsessed with watching movies. Me already a lot, but with Françoise it was a big time commitment, sometimes like three movies in a row. We had a contract with Videodrom Verleih, so I could go every day and pick up films. Françoise had books with lists of all films outlined that she wanted to see, so I was there constantly. Sometimes they were even buying DVDs in for us as they weren’t yet in their collection. Françoise had a big collection herself. She didn’t like to watch online, mostly it was DVDs and before that VHS cassettes. We would go on director deep dives. Watching everything from one director.
Florence: I love doing that
Brezel: We were also taking a lot of ideas from this and Françoise was really into it. I mean she’d always had a lot of chronic diseases anyway, but by this time she got sick several times, so concentrating on movies and on books was something that really helped her to get over that struggle. Because her brain could be constantly concentrating on interesting things. This was a big part of our life. I can remember, there were nights where it was just one movie after the other.
Florence: Any favorites?
Brezel: I mean, at this time we were doing the run through of every director. Maybe one day Cassavetes, I can remember that I enjoyed his work very much and I enjoyed how loose it is technically.
Florence: It’s pretty loose. The way they’re all running about.
Brezel: Also, we were watching films from Andy Warhol. I can remember that we were watching them twice, first on VHS, the sound was so bad. Then they got the same films on DVD and with that reissue it was like wow, it’s so clear, what did they do so you can understand the words! I remember Buñuel, all his phases. I enjoyed how he showed people, on so many levels I liked it. And Françoise, she was very into Truffaut. She watched the French guys, Chabrol, etc. and I’d say from all these, Goddard was the least favorite. Although I can remember that for Weekend (Goddard’s 1967 film), we made a Stereo Total show where we played our own soundtrack to that film. I removed all the musical parts from it and just let the dialogue stand out and some of the car noises. And then we played a complete new soundtrack to it.
Florence: All analogue?
Brezel: It was from a VHS tape, we did it here in Berlin and then we got invited to France to do it there but they said we have to ask for permission. They asked Goddard, who was still alive and he gave it the go ahead. I remember that I very much enjoyed Françoise going through the whole John Waters catalogue.
Florence: There is an essence of Waters in this film, like a spirit of that kind
Brezel: I mean it’s kind of in my DNA because I watched them many times and we were constantly talking about what we were seeing. And in making this film, I wanted to get over it fast and get the filming done. So I thought, we produce in a way where everything is fast and Super 8 and we don’t have to worry about it, because it’s going to look good anyway. When I watched it, parts reminded me of films that I saw already, especially from John Waters.
Florence: So did you know which songs to pick? It’s good to mention at this point the film is soundtracked by some of Stereo Total’s greatest cuts.
Brezel: In the edit, I was like, ok I’m gonna see it visually and then I’m gonna pick the soundtrack. I recorded some songs beforehand for it. However, when I watched the movie – because the initial story was Françoise’s, and in it, she describes herself, how she imagines being old and inviting some friends to go on holiday – at that point I thought, I would like to let the voice of the ones who cannot be here anymore, be heard. And so I started to put in Stereo Total songs, not instrumental versions, but ones with Françoise singing, so that her voice is constantly there as an additional character. I got really obsessed with this and I threw out the previous score I’d made already, putting in more and more Stereo Total. Plus, I mean, it’s my band, my music, I have all the rights! I just have to open the cupboard and there’s hundreds of songs that I can use and they’re for free and I can go deeper. Sometimes lyric wise the songs are corresponding to the narrative, sometimes less obviously. I decided on the spot.
Florence: And how about the process itself. You were in Palermo for less than a week?
Brezel: When I started filming I didn’t have a result that I wanted to achieve. I thought, okay, we start to film, we see how we go. We judge what we have on film afterwards, I know that super 8 is not so reliable. Sometimes we were filming and I remember that we filmed quite a bit, but later in the editing I saw we only had 30 seconds, that the camera must have stopped at one point. Also there is stuff I know that we filmed, it’s just not there. But it doesn’t matter, there’s enough.
Florence: So, was Francois’s original story a memoir, or a reflection looking back on one’s life? You mentioned she used characters who were adaptations of real life figures. Because in the film, we see universal dynamics of friendship play out. Lilith’s character Charlotte is starting to get recognition with her acting career. The three friends were once in the experimental film group “Les Enfants Terrible,” but had a bitter falling out. Her friends are still in the doldrums of that time period, a post art school malaise, skint, maybe a little jealous…
Brezel: Françoise imagined people being like this. I mean, she was not at all like this. It’s a story, she saw herself, yet who she described is not herself, but the main person is somehow monstrous and she was amusing herself with this and I even exaggerated that. And it is the story of someone who moved on and left behind. I think these are very human qualities, even when it’s negative, that’s interesting.
Florence: You masterfully plug in all these genre riffs, Russ Meyer here, a little John Waters there, a DIY punk gig footage feeling there, but there’s heavy, tender emotions, laden with a bounce of comedy and self deprecation. But it is true, especially when people are making art, it can be very like, oh they’re doing well, but I’m fucked, still not making ends meet. But then it’s like, well, what does doing well mean anyway when you are creative?
Brezel: Yeah, people get nervous and they get jealous. But that’s what’s interesting.
Florence: And so for the casting, was that clear in your mind, who was going to play what role, who you wanted on board with the project?
Brezel: I’m working from a community I’m always making art with, the energy of the people around me I collaborate with. So we have Mücke, Twiggy, Anton and from my band, there’s Lilith, who had started making music with me and Chang Wang, she’s playing the drums. With both of them, I already had a very good relationship. I had so much confidence because I know them so well, like, how they react in a stressful situation. So they were just perfect for me. And the way we were making music was like three little cats playing together. With Lilith, she’s a fantastic professional actress who I love watching anyway and so I already had these two but I didn’t know what roles they could play. I recommended another friend for the gay guy and a long time friend I wanted to play something with. I started to change my script, creating different versions, swapping about the characters for each person. Everyone was in every position. I think one week before we went to shoot in Palermo I decided that Twiggy is playing the young guy everyone is in love with. Then I thought, if I paint Chang Wang a little mustache, well, she’s the gay guy. And my girlfriend Tiffy has a daughter who sometimes brought her friend Mücke when we were eating out and I always thought she had a very interesting face and a very extreme voice. And so one week before I asked my girlfriend’s daughter, do you think your friend could play in my movie? She agreed, but I had to talk to her mother because she was 17 at this time. Everything was agreed by her parents, I had to sign some papers and so she came along and the cast was completed.
Florence: And why Palermo? Did Françoise always write that in?
Brezel: In the 90s we went to Lanzarote, where she wrote her story’s location. At this time the island was a little bit run down. I looked at photos of it now and I thought, wow. It’s gone more upmarket, not as rough and tumble as we need. When I got the idea to make this movie, I was on holiday with my girlfriend in Palermo. It was her idea to go there and it’s a wonderful place. Tiffy was reading me the beach guide threads from the internet; there were certain beaches, reviewed by Germans, saying how rough they were. And she was laughing very hard because they were saying how gross it is. We were like, this is the place. And when we went there, it was even worse than they described it! And so I said, we’re not going to Lanzarote. Also, as financing was not clear, I said, look, 120 euro flights, we can all get to Palermo, I now know all the good places to shoot. Tiffy made me a map of everything, where I wanted to film – all within walking distance. So we didn’t need to get cars or bicycles etc. We could walk everywhere. Then she found us this beautiful flat with so many different rooms we could film all the in-house.
Florence: And did you do a script, storyboarding?
Brezel: No storyboard. I went into one room, put everything where I thought it should be, asked the others in, played the scene and sometimes even while they were filming the scene I went over to the next room decorating there. Then Stephan would roll the camera, find the right light, the right composition, and make it happen. I mean, we didn’t even have lights. Most of the time it’s that beautiful sun, there was a lot of light in the apartment, even if the walls were incredibly white. I had one bag with accessories my girlfriend bought for me and so I just put them up, hid what was ugly and then we were fine – it was not really planned.
Florence: What about costumes? Everyone looks great.
Brezel: My thinking about the costume and art department started one week before. Everyone involved, they’re always dressed very well. There’s a lot of self-made costumes, no one can make it look as original as the people who were part of the project. I thought this was perfect. Two days before we were going to Palermo, I asked everyone to come over and bring maybe five costumes; for traveling, the cold, the beach and one for a party. Everyone brought their costumes and then the daughter of my girlfriend, she was with us all the time, took a photo of everyone with a number. These numbers were connected to the scenes in my script so I just had to say to them, ok, we’re getting costume number five. It was very hard for the cast because they had to get dressed on the street, there was no film crew setup, but they didn’t care, they changed and then it was onto the next scene so we could be very quick. On the beach we filmed whole different scenes. I love it.
Florence: A real communal effort?
Brezel: I mean, Lilith, she has a lot of knowledge about theatre and film and she helped me a lot. For example, she said, there’s always a red dress when there’s tragedy. That’s great, that’s true. And I said, in one scene, because you’re mad at the others you go into your room. Then she said, no I’m not going into my room, I’m going into the cupboard of my room. That’s brilliant. She was a big help with a lot of things I would have never thought of. Also Stephan, who did the camera, was a big help because I get lost sometimes, thinking that things should go in another way, not in a good way. I saw him filming from really weird angles and said to him, Stephan, can we film this scene again? So we went back the next day, which is a lot of work because we only had four days, and filmed it again from my perception, from two meters high. Calmly he agreed, the only scene we filmed twice. Later when we cut the movie, I saw the one that I had perceived, which looked really boring. And then the one from Stephan, shot from underneath, you could see all four faces in the frame at a really good angle, you could see something of the city behind, the light was beautiful, there were little details and I thought wow, without him there would be nothing. It’s a lovely collaborative community, Stephan and Lilith brought a lot. Stephan has a very good eye, that’s why I initially asked him for camerawork because I see the way he’s reacting to so many details I would never have thought about. With Lilith it’s this vast knowledge of performance, and also what she can do with her face and her voice, creating a prolongation of the personality that she’s playing. I have to say this is a big part of the film and it’s not made by me or invented by me. It came up by the people who are in it.
Florence: It makes sense for you and your body of work over the decades. What I felt after watching, and I messaged Stephan straight after the February private screening and all I could say was what a wild trip I’d been on, yes there’s all these plays on genre and a punk energy to it, but there was this really sincere tenderness to the film as well. Obviously people are being devious tricksters to one another and there’s jealousy and unresolved feelings, there’s a lot of comedy, but beneath it, a kinship, the good and the bad of friendship. This through line throughout the film really comes across. It’s great that it’s been released in summer, because I feel like it’s a hot summer film.
Brezel: Stephan said the same and I thought, why not in winter? Warm people up. But I totally see it now.














FÜR IMMER 16 – FOREVER 16
Ein Film von/a movie by Brezel Göring
2026 – Deutschland, 74 min.
Mit/With Lilith Stangenberg, Chang Wang, Mücke, Twiggy, Anton Garber
Florence Scott-Anderton diskutierte mit Brezel Göring, um herauszufinden, wie FÜR IMMER 16 entstanden ist.
Brezel Göring ist eine unersetzliche Persönlichkeit der Berliner Musik- und Kunstszene. Von den frühen 1990er-Jahren bis weit in die 2010er hinein bildete Göring eine Hälfte von Stereo Total, der vielgeliebten Band, die er gemeinsam mit seiner Partnerin Françoise Cactus anführte. Das Duo erarbeitete sich von Amerika bis nach Frankreich (der Heimat von Cactus) einen Kultstatus – dank seiner enthusiastischen DIY-Haltung und des fruchtbaren Zusammenspiels genreübergreifender Experimente. Seit Françoise Cactus 2021 auf tragische Weise verstarb, widmet sich Göring dem Vermächtnis der eigenwilligen künstlerischen Sensibilität seiner Partnerin. Sie war eine leidenschaftliche Schriftstellerin, und Göring stieß bald auf eines ihrer unveröffentlichten Bücher. Für immer 16, der am 27. August in die Kinos kommt, ist Görings filmische Elegie auf dieses wiederentdeckte Werk. Es ist ein roher, psychedelischer Fiebertraum, untermalt vom Soundtrack von Stereo Total, der einen fragen lässt, warum es nicht viel mehr Filme dieser Art gibt.
Florence: Also, Brezel, dein Ruf hier in Berlin eilt dir voraus! Stereo Total ist Teil der DNA der Stadt, genauso wie all deine Projekte und Kollaborationen, die damit verbunden sind. Aber heute sitzen wir hier, um über dein Regiedebut des Spielfilms Für Immer 16 zu diskutieren, erzähle mir, wie bist du zu diesem Film gekommen?
Brezel: Das war reiner Zufall. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich bei Stereo Total gespielt, zusammen mit meiner Partnerin, Françoise Cactus. Wir haben 1992 angefangen, genau hier in diesem Proberaum im Keller, wo wir jetzt gerade sitzen. Ich hatte mich auch vorher schon kreativ betätigt, aber als Françoise in mein Leben getreten ist, hat sich mein Geschmack und meine Sicht auf die Dinge geschärft. Wir gingen in unzähligen Ländern auf Tour und ich griff all die visuellen Aspekte auf und machte daraus Musikvideos mit Super 8. Einmal wurden wir gefragt, in einem Theater hier in Berlin zu spielen. Ich sagte zu Françoise, na ja, wir brauchen ein Vorprogramm. Also schrieb ich ein Drehbuch über Patty Hearst, das genau 30 Minuten lang war und danach haben wir das Konzert gespielt. Später wurde ich gebeten, ein Radiohörspiel daraus zu machen und das war das erste Mal, dass ich ein richtiges Drehbuch verfasst habe, eine Stunde Patty Hearst. Mein Titel “Früher oder später werden wir alle Terroristen” kam beim Radio nicht so gut an, also wurde es geändert in “Patty Hearst, Prinzessin und Terroristin”.
Florence: Es gab also von Bandgründung an immer Kreuzungen mit anderen Kunstformen, die mit eurer Musik in Interaktion standen?
Brezel: Ja, genau, und Françoise begann, Bücher zu schreiben. Zu einem Zeitpunkt fragte mich ihr Verleger, ob ich nicht auch ein Buch schreiben wollte, und ich sagte JA. Es war ein Theaterstück (“Unbehagen in der Mittelstufe”) und ich habe meine Liebe zum Dialog Schreiben entdeckt, ich mag es, Geschichten zu erzählen. Aber mit Stereo Total waren wir immer so viel unterwegs, da habe ich das nicht weiterverfolgt. Als 2021 Françoise gestorben ist, nahm ich mir alte Aufzeichnungen wieder vor, die ich hier und da notiert hatte und begann eigene Liedtexte zu schreiben und nur für mich total viel Musik zu komponieren. Vorher hatte Françoise größtenteils die Lyrics geschrieben, nun war ich auf mich allein gestellt und es war eine gute Methode, den inneren Druck rauszulassen. Etwa zu dieser Zeit war ich dabei, Françoises Sachen zu sortieren. Ich verpackte alles in Kisten und begann eine Ordnung in ihr wundervolles Archiv zu bringen, unterstützt von meiner Freundin Tiffy GoGo. Das war der Moment, als wir plötzlich diesen kompletten Roman fanden, den Françoise geschrieben hatte. Ich erinnere mich, dass sie 15 Jahre daran schrieb, aber er wurde nie veröffentlicht. Also nahmen wir einige Auszüge davon, suchten gleichzeitig einen Verlag und brachten ihn heraus. Der Roman heißt “ Oh Oh Mythomanie”. Ich dachte mir, vielleicht sollte ich in die Filmbranche gehen, Regisseur werden und einen Film aus diesem Buch machen! Also fragte ich Stephan (Holl, Co- Managing Director von Rapid Eye Movies, Filmemacher und Produzent von Für Immer 16 und, vielleicht am wichtigsten, ein enger Freund von Brezel), den ich seit etwa 2008 kenne.
Florence: Wie bist du im Rapid Eye Universum gelandet? Ich habe das Gefühl, sie haben ihre ganz eigene Art, gleichgesinnte Menschen ausfindig zu machen.
Brezel: Er hat uns mit Stereo Total angefragt, Musik zu machen für das japanische Pink Movie Musical Underwater Love (2011), gedreht von Christopher Doyle. Wir fanden die Idee großartig. Seitdem habe ich immer wieder für Filme, die sie machen, Musik beigesteuert. Also habe ich ihn gefragt, ob er einen Film produzieren würde, den ich machen will. Ich sagte zu ihm, es soll vage auf einer Geschichte aus Françoises Buch basieren. Und ich will es komplett auf Super 8 drehen. Er war einverstanden, also habe ich den Roman von Françoise genommen, jede Menge verändert und es in ein Drehbuch umgewandelt.
Florence: War das schwierig?
Brezel: Nein. Ich arbeite intuitiv und sehr schnell. Und ich hatte schon im Kopf, wie die Personen sprechen würden. Deshalb war es leicht für mich, einfach aus ihrer Perspektive zu schreiben. Außerdem hat es geholfen, dass jede Figur in Françoises Buch eine echte Person zur Vorlage hatte und ich sie alle kannte. Ich entschied mich viel zu verändern, sodass sie nicht allzu stark an die realen Personen erinnern. Aber ich wusste schon wie sie sein würden, wie ich sie reden lassen wollte. Ich meine, der Roman ist lang, aber mein Drehbuch hat nur 50 Seiten, ich habe viel weggelassen und nur die Fünkchen behalten, die den Bildschirm zum Glühen bringen. Mir war es wichtig, dass die Psychologie zu sehen ist, die Françoise schrieb; dass vernünftige Charaktere und extreme Charaktere sich absolut gegensätzlich verhalten.
Florence: Ich würde das gerne mit dir im wörtlichen Sinne diskutieren. Der Film ist vom Klang unglaublich eindringlich, er hat diesen Overdub-Effekt, wie eine knisternde Radiosendung, leicht verzerrt, es zeigen sich so viele Gefühle und Geschehnisse während der dialog, mit diesen brillanten minimalen Verzögerungen. Zusammen mit Super 8 fühlt es sich wie ein Mitternachtsfilm an.
Brezel: Stimmt, ich wollte nicht Proben, also habe ich mich mit jeder Schauspielerin zu zweit getroffen, zwei Mikrofone aufgestellt und einmal mit ihnen das komplette Skript durchgegangen. Ich habe sie einfach vorlesen lassen, wie es gerade kam, aufgenommen, und das ist im Wesentlichen das, was im Film zu hören ist. Sie haben also die Sprachaufnahmen vor den Dreharbeiten gemacht. Nach jedem Drehtag haben wir die gefilmten Szenen nachgespielt und am selben Tag synchronisiert. Somit hatte ich eine zweite Version. Und als ich beim Filmschnitt war, habe ich alle zu einer Vorführung eingeladen und sie gebeten, zu versuchen, synchron ihre Münder dazu zu bewegen. Ich hatte also im Grunde drei Tonspuren, zwischen denen ich hin- und herspringen konnte, und benutzte letzten Endes hauptsächlich die früheste Version. Ich weiß nicht warum, aber es funktioniert. Es bereichert das Ganze.
Florence: Es war ja Françoises Geschichte, deine Hommage an ihren unentdeckten Roman, hattest du eine Vorstellung von der Atmosphäre, die du erschaffen wolltest? Habt ihr zusammen Filme geschaut? Gab es Momente, wo du dachtest, ich will, dass die Stimmung eines bestimmten Films gespiegelt wird oder ist die Ästhetik spontan am Set entstanden?
Brezel: Wir waren beide davon besessen, Filme zu schauen, dafür ging irre viel Zeit drauf, wir hatten ein Abo beim Videodrom- Verleih, so konnte ich jeden Tag Filme holen. Françoise hatte Bücher mit Listen von allen Filmen, die sie noch sehen wollte, also war ich ständig dort. Françoise hatte selber eine große Sammlung, größtenteils DVDs und davor VHS-Kassetten, sie schaute nicht gern online Filme. Oft tauchten wir komplett ab in das filmische Gesamtwerk eines Regisseurs und schauten alles, was es gab.
Florence: Oh, ich liebe das.
Brezel: Es hat uns auch auf viele neue Ideen gebracht, Françoise ist wirklich darauf abgefahren. Ich meine, sie hatte sowieso immer viele chronische Krankheiten, aber zu diesem Zeitpunkt ist sie sehr oft krank geworden, und sich auf Filme und Bücher zu konzentrieren war da etwas, was ihr wirklich geholfen hat, diese Qualen auszuhalten. Weil sich ihr Geist permanent auf interessante Dinge konzentrieren konnte. Das war ein großer Teil unseres Lebens. Ich erinnere mich an Nächte, wo wir einfach einen Film nach dem anderen schauten.
Florence: Irgendwelche Favoriten?
Brezel: Zu der Zeit gingen wir jeden Regisseur durch, an einem Tag war es bspw. Cassavetes, ich habe seine Herangehensweise sehr genossen, wie frei es technisch umgesetzt ist.
Florence: Es ist ziemlich frei. Wie sie da alle durcheinander rennen.
Brezel: Außerdem haben wir die Filme von Andy Warhol geschaut. Ich erinnere mich, dass wir sie sogar zweimal gesehen haben, erst auf VHS, der Sound war grauenhaft! Dann auf DVD und mit dieser Neuausgabe war es so, wow, es ist glasklar, plötzlich kann man die Worte verstehen! Ich denke an Buñuel, all seine Phasen. Ich liebe es, wie er Menschen zeigt, ich mag es auf so vielen Ebenen. Und Françoise, sie stand sehr auf Truffaut. Sie mochte die Franzosen, Chabrol, usw. und ich würde sagen, von all denen war Goddard sogar an letzter Stelle. Obwohl wir Weekend (Goddard’s Film von 1967) sogar mit Stereo Total aufgeführt haben. Ich habe die Musik rausgenommen und einfach nur die Dialoge und ein paar Geräusche drin gelassen, fertig. Dazu haben wir einen komplett neuen Soundtrack gespielt.
Florence: Alles analog?
Brezel: Es war von einer VHS Kassette, wir haben es in Berlin vorgeführt und wurden dann nach Frankreich eingeladen, aber sie meinten, sie müssten vorher um Erlaubnis bitten. Sie fragten Goddard, der damals noch lebte, und er war einverstanden. Ich erinnere mich auch, dass ich es sehr genossen habe, als Françoise sich den ganzen John Waters Katalog vornahm.
Florence: Es gibt eine Essenz von Waters in deinem Film, so eine Art Stimmung.
Brezel: Es ist auf eine Art Teil meiner DNA, weil ich die Filme so viele Male gesehen habe und wir uns permanent über alles austauschten, was wir sahen. Und als ich diesen Film gemacht habe, wollte ich schnell fertig werden und einfach drehen. Also dachte ich mir, wir machen es auf eine Art, wo alles ganz schnell geht und bei Super 8 muss man sich keine Sorgen machen, es sieht sowieso total gut aus. Als ich den Film gesehen habe, erinnerten mich manche Teile tatsächlich an Filme, die ich gesehen hatte, besonders von John Waters.
Florence: Wusstest du vorher, welche Lieder du auswählst? Es ist ein guter Moment zu erwähnen, dass der Soundtrack aus einigen der besten Stücke von Stereo Total besteht.
Brezel: Beim Schnitt dachte ich, okay, ich schau mir die visuelle Wirkung an und stelle dann den Soundtrack zusammen. Ich hatte vorher einige Songs aufgenommen. Als ich dann den Film sah – dadurch, dass die ursprüngliche Geschichte von Françoise stammte und sie sich darin auch selbst beschreibt – zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich würde gerne die Stimme derer erklingen lassen, die nicht mehr hier sein können. Also habe ich Stereo Total Lieder mit dem Gesang von Françoise ausgesucht, sodass durchgehend ihre Stimme zu hören ist, als ein zusätzlicher Charakter. Ich habe eine richtige Manie entwickelt, die vorherige Musik rausgeworfen und immer mehr Stereo Total eingebaut. Außerdem, es ist meine Band, meine Musik, bei mir liegen alle Rechte. Ich muss nur den Schrank öffnen und da gibt’s hunderte Songs kostenfrei und ich kann immer noch tiefer graben. Teils korrespondieren die Lyrics direkt mit der Erzählung, manchmal weniger offensichtlich. Ich habe intuitiv entschieden.
Florence: Erzähl mir mehr über das Verfahren. Ihr wart in Palermo, nur knapp eine Woche?
Brezel: Als ich angefangen habe zu drehen, hatte ich kein bestimmtes Ziel vor Augen. Ich dachte mir, okay, wir filmen einfach und schauen, wie es läuft. Wir urteilen hinterher, wenn wir sehen, was wir haben, ich weiß, dass Super 8 nicht so zuverlässig ist. Manchmal hat die Kamera einfach nicht mitgefilmt, es gibt Szenen, von denen ich weiß, dass wir sie gefilmt haben, aber sie sind einfach nicht da. Aber das macht nichts, es gibt genug Material.
Florence: War die ursprüngliche Geschichte von Françoise eine Biographie oder ein Rückblick auf ihr eigenes Leben? Du hast erwähnt, dass ihre Figuren Adaptionen von echten Menschen waren. Denn im Film sind sehr universelle Dynamiken von Freundschaft dargestellt. Liliths Charakter Charlotte erlangt Anerkennung mit ihrer Schauspielkarriere. Die drei Freunde waren früher zusammen die experimentelle Filmgruppe “Les Enfants Terribles”, haben sich aber bitter überworfen. Ihre Freunde stecken immer noch in der Flaute jener Zeit fest, dem Unbehagen nach dem Kunsthochschulabschluss, pleite und ein bisschen neidisch …
Brezel: Françoise hat sich Menschen so vorgestellt. Ich meine, sie selbst war gar nicht so. Es ist eine Geschichte, sie sah sich, aber was sie beschrieb, war nicht sie selbst. Die Hauptfigur ist auf eine Art monströs, sie hat sich damit amüsiert und ich habe das sogar noch überzeichnet. Es ist eine Geschichte darüber, weiterzukommen und zurückzulassen. Das sind sehr menschliche Eigenschaften, sogar wenn sie negativ sind, ist das interessant.
Florence: Du hast meisterhaft all diese Genre-Riffs angespielt, hier Russ Meyer, da ein wenig John Waters, dort die Stimmung von einem DIY Punk Konzertmitschnitt, aber es gibt auch tiefe, zärtliche Gefühle, ausstaffiert mit einer gehörigen Portion Komik und Selbstironie. Aber es stimmt, besonders wenn Menschen Kunst machen, gibt es schnell die Perspektive, oh, den anderen geht’s ja gut, aber ich bin am Ende, bei mir reicht das Geld immer noch nicht. Andererseits, was heißt das schon, gut gehen, wenn man im Kreativbereich arbeitet.
Brezel: Klar, die Leute werden nervös und neidisch. Aber genau da wird’s interessant.
Florence: Und beim Casting, hattest du das schon klar vor Augen, wer welche Rolle spielen würde? Wen du unbedingt bei dem Projekt dabeihaben wolltest?
Brezel: Ich agiere aus einem Umfeld heraus, in dem ich ohnehin künstlerisch tätig bin, eine Fusion der Energie der Leute um mich herum. Da wären Mücke, Twiggy, Anton und von meiner Band noch Lilith, mit der ich begonnen hatte, Musik zu machen und Chang Wang, sie spielt Schlagzeug. Mit den beiden hatte ich bereits ein sehr gutes Verhältnis. Ich hatte so viel Vertrauen, weil ich sie gut kenne, sie waren einfach perfekt für mich. Die Art, wie wir Musik machten, war wie drei kleine Kätzchen, die zusammenspielen. Lilith ist eine fantastische professionelle Schauspielerin, der ich sowieso unglaublich gerne zuschaue und so hatte ich schon mal die beiden, aber ich wusste noch nicht für welche Rollen. Ich schlug dazu einen Freund für den schwulen Typ vor, plus einen alten Freund, mit dem ich gern drehen wollte. Ich schrieb weiter am Skript, entwickelte verschiedene Versionen, tauschte die Personen hin und her, alle waren an allen Positionen. Ich glaube, eine Woche bevor wir nach Palermo zum Dreh reisten, entschied ich, dass Twiggy den jungen Typen spielt, in den sich alle verlieben. Dann dachte ich, wenn ich Chang Wang einen Bart male, klar, dann ist sie der schwule Typ. Und meine Freundin Tiffy hat eine Tochter, die manchmal ihre Freundin Mücke mitbrachte. Ich fand immer, dass sie ein sehr interessantes Gesicht und eine sehr extreme Stimme hat. Also fragte ich kurz vorher die Tochter meiner Freundin, was denkst du, würde Mücke in meinem Film mitspielen? Sie war einverstanden, aber da sie erst 17 war, musste ich mit ihrer Mutter sprechen. Die Eltern stimmten zu und so kam sie mit und der Cast war komplett.
Florence: Und warum Palermo? Stammt das aus der Vorlage von Françoise?
Brezel: In den 90ern waren wir in Lanzarote, wo ihr Roman handelt. Damals war die Insel etwas heruntergekommen. Ich schaute mir aktuelle Fotos an und dachte, wow, es ist schicker geworden, nicht so rau wie ich es brauche. Als ich auf die Idee kam, den Film zu drehen, war ich mit Tiffy im Urlaub in Palermo. Es ist ein wundervoller Ort. Sie las mir Onlinerverrisse über Strände vor, verfasst von Deutschen, die sich über den grässlichen Zustand beklagten. Wir dachten uns, genau der richtige Ort. Als wir ankamen, war es sogar noch schlimmer! Also beschloss ich, wir gehen nicht nach Lanzarote. Auf nach Palermo, ich kenne alle guten Drehorte. Tiffy machte mir eine Karte, wo jede Stelle verzeichnet war, an der ich filmen wollte – alles in Laufnähe. Dann buchte sie uns diese traumhafte Wohnung mit vielen verschiedenen Zimmern, wo wir alle Innenszenen drehen konnten.
Florence: Und hast du vorab ein Storyboard verfasst?
Brezel: Nein, kein Storyboard. Ich ging von Raum zu Raum, platzierte alles so, wie ich es gut fand, bat die anderen herein, drehte die Szene und ging manchmal sogar schon während sie filmten, ins nächste Zimmer, um dort zu dekorieren. Dann ließ Stephan die Kamera laufen, fand das passende Licht, eine stimmige Komposition, und setzte es in die Tat um. Wir hatten nicht einmal extra Lampen, die meisten Zeit gibt es dieses traumhafte Sonnenlicht, die Unterkunft war sehr hell. Ich hatte eine Tasche voller Accessories, damit versteckte ich alles, was hässlich war und fertig – es war nicht wirklich geplant.
Florence: Woher kommen die Kostüme? Alle sehen einfach großartigaus.
Brezel: Alle Beteiligten sind ohnehin immer wahnsinnig gut angezogen. Es gibt jede Menge selbstgemachte Kleidung, bei keinem wirkt das so authentisch wie bei den involvierten Personen. Ich fand das perfekt. Zwei Tage vor der Abreise bat ich alle, mit fünf Kostümen vorbeizukommen. Die Tochter meiner Freundin begleitete uns die ganze Zeit und machte nummerierte Fotos von allen. Die Nummern standen in Verbindung mit den Szenen im Skript, also musste ich einfach sagen, holt Kostüm Nummer Fünf raus. Es war sehr schwierig für den Cast, sie mussten sich auf der Straße umziehen, es gab kein Filmset, aber das war ihnen egal, sie wechselten die Kostüme und auf ging’s zur nächsten Szene, wir waren irre schnell. Am Strand haben wir total viele verschiedene Szenen gedreht. Ich liebe es.
Florence: Ein richtige Gemeinschaftsleistung?
Brezel: Also, Lilith hat immenses Wissen über Theater und Film. Beispielsweise sagte sie, ein rotes Kleid steht für Tragik. Das ist toll, wie wahr. Und ich sagte, weil du sauer auf die anderen bist, gehst du in dein Zimmer. Sie sagte, nein, ich gehe in den Schrank im Zimmer. Das ist brillant. Sie war eine große Hilfe bei vielen Dingen, an die ich nicht einmal dachte. Außerdem war Stephan, der die Kamera führte, eine große Hilfe, weil ich mich manchmal verliere und denke, die Dinge müssten anders gemacht werden. Ich sah, wie er aus wirklich seltsamen Winkeln drehte und sagte, Stephan, können wir diese Szene wiederholen? Also drehten wir erneut aus meiner Perspektive, aus einer Höhe von zwei Metern. Ruhig stimmte er zu, es war die einzige Szene, die wir doppelt drehten. Später, beim Filmschnitt, merkte ich, dass die aus meiner Perspektive total langweilig aussah. Dagegen die von Stephan: gefilmt von unten, alle vier Gesichter sind in einem wirklich tollen Winkel erfasst, im Hintergrund sieht man die Stadt, das Licht ist traumhaft und ich dachte, wow, ohne ihn hätten wir nichts. Es ist ein großartiges inspirierendes Miteinander, Stephan und Lilith haben viel eingebracht. Stephan hat einen sehr guten Blick, genau deswegen habe ich ihn ursprünglich für die Kamera gefragt, weil ich sehe, wie er auf so viele Details reagiert, die mir nie aufgefallen wären. Lilith hat dieses gigantische Wissen über Darbietung und was sie mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme machen kann, eine Verlängerung der Persönlichkeit, die sie spielt. Das ist ein großer Teil des Films, der nicht von mir kommt, sondern von den Mitwirkenden.
Florence: Das scheint mir nur sinnhaft bei deiner Persönlichkeit und deiner Arbeitsweise im Verlauf der Jahrzehnte. Mein Gefühl, nachdem ich den Film gesehen hatte – ich schrieb Stephan umgehend nach der Privatvorführung im Februar – und alles, was ich sagen konnte, war, was für eine wilde Reise! Klar, es gibt all diese Querverweise und Punk-Energie, aber gleichzeitig gibt es eine echte Zartheit im Film. Klar, die Charaktere sind hinterhältig und gemein zueinander und es gibt Eifersucht und viele ungelöste Gefühle, aber gleichzeitig gibt es Humor und darunter eine tiefe Verbundenheit, das Gute und Schlechte von Freundschaften. Es ist toll, dass er im Sommer erscheint, es fühlt sich wie ein richtig heißer Sommerfilm an. Brezel: Genau das hat Stephan auch gesagt. Ich dachte mir, warum nicht im Winter die Leute aufwärmen? Aber jetzt ist es mir auch total offensichtlich!
Florence: I wanted to discuss this with you in a literal sense. The film is incredibly immersive sonically, it has an overdubbed effect, like a scrambled radio station, tuned out slightly, there’s so many feelings and actions happening within the dialogue, with these brilliant ever so slight delays. Alongside the super 8 it feels like a midnight movie.
Brezel: Yeah, I didn’t want to do rehearsals, so I met with every actor. I met them two by two, and I set up two microphones and just went once with them through the script and let them read it out however it came to them. I recorded and this is basically what is heard in the film. And then we went straight into filming, so they were doing the talking before the movie. Then after every day of filming we re-played the scenes that we filmed and dubbed it the same day. So I had a second version of everything. And then when I went to cut, I let them watch the movie and tried to get them to move their mouths in sync. So basically I had three tracks; one, before filming, one right there on set and one afterwards. So I was switching it around, mainly using the early ones. I don’t know why but it works. It adds to it all.
Florence: I knew it was Françoise’s story, your homage to this undiscovered book, did you have an idea of the atmosphere you wanted to achieve? Did you and Françoise watch movies together? Were there moments where you were like, ah I want it to feel like a particular kind of picture, or did aesthetics form on set?
Brezel: I mean we were both obsessed with watching movies. Me already a lot, but with Françoise it was a big time commitment, sometimes like three movies in a row. We had a contract with Videodrom Verleih, so I could go every day and pick up films. Françoise had books with lists of all films outlined that she wanted to see, so I was there constantly. Sometimes they were even buying DVDs in for us as they weren’t yet in their collection. Françoise had a big collection herself. She didn’t like to watch online, mostly it was DVDs and before that VHS cassettes. We would go on director deep dives. Watching everything from one director.
Florence: I love doing that
Brezel: We were also taking a lot of ideas from this and Françoise was really into it. I mean she’d always had a lot of chronic diseases anyway, but by this time she got sick several times, so concentrating on movies and on books was something that really helped her to get over that struggle. Because her brain could be constantly concentrating on interesting things. This was a big part of our life. I can remember, there were nights where it was just one movie after the other.
Florence: Any favorites?
Brezel: I mean, at this time we were doing the run through of every director. Maybe one day Cassavetes, I can remember that I enjoyed his work very much and I enjoyed how loose it is technically.
Florence: It’s pretty loose. The way they’re all running about.
Brezel: Also, we were watching films from Andy Warhol. I can remember that we were watching them twice, first on VHS, the sound was so bad. Then they got the same films on DVD and with that reissue it was like wow, it’s so clear, what did they do so you can understand the words! I remember Buñuel, all his phases. I enjoyed how he showed people, on so many levels I liked it. And Françoise, she was very into Truffaut. She watched the French guys, Chabrol, etc. and I’d say from all these, Goddard was the least favorite. Although I can remember that for Weekend (Goddard’s 1967 film), we made a Stereo Total show where we played our own soundtrack to that film. I removed all the musical parts from it and just let the dialogue stand out and some of the car noises. And then we played a complete new soundtrack to it.
Florence: All analogue?
Brezel: It was from a VHS tape, we did it here in Berlin and then we got invited to France to do it there but they said we have to ask for permission. They asked Goddard, who was still alive and he gave it the go ahead. I remember that I very much enjoyed Françoise going through the whole John Waters catalogue.
Florence: There is an essence of Waters in this film, like a spirit of that kind
Brezel: I mean it’s kind of in my DNA because I watched them many times and we were constantly talking about what we were seeing. And in making this film, I wanted to get over it fast and get the filming done. So I thought, we produce in a way where everything is fast and Super 8 and we don’t have to worry about it, because it’s going to look good anyway. When I watched it, parts reminded me of films that I saw already, especially from John Waters.
Florence: So did you know which songs to pick? It’s good to mention at this point the film is soundtracked by some of Stereo Total’s greatest cuts.
Brezel: In the edit, I was like, ok I’m gonna see it visually and then I’m gonna pick the soundtrack. I recorded some songs beforehand for it. However, when I watched the movie – because the initial story was Françoise’s, and in it, she describes herself, how she imagines being old and inviting some friends to go on holiday – at that point I thought, I would like to let the voice of the ones who cannot be here anymore, be heard. And so I started to put in Stereo Total songs, not instrumental versions, but ones with Françoise singing, so that her voice is constantly there as an additional character. I got really obsessed with this and I threw out the previous score I’d made already, putting in more and more Stereo Total. Plus, I mean, it’s my band, my music, I have all the rights! I just have to open the cupboard and there’s hundreds of songs that I can use and they’re for free and I can go deeper. Sometimes lyric wise the songs are corresponding to the narrative, sometimes less obviously. I decided on the spot.
Florence: And how about the process itself. You were in Palermo for less than a week?
Brezel: When I started filming I didn’t have a result that I wanted to achieve. I thought, okay, we start to film, we see how we go. We judge what we have on film afterwards, I know that super 8 is not so reliable. Sometimes we were filming and I remember that we filmed quite a bit, but later in the editing I saw we only had 30 seconds, that the camera must have stopped at one point. Also there is stuff I know that we filmed, it’s just not there. But it doesn’t matter, there’s enough.
Florence: So, was Francois’s original story a memoir, or a reflection looking back on one’s life? You mentioned she used characters who were adaptations of real life figures. Because in the film, we see universal dynamics of friendship play out. Lilith’s character Charlotte is starting to get recognition with her acting career. The three friends were once in the experimental film group “Les Enfants Terrible,” but had a bitter falling out. Her friends are still in the doldrums of that time period, a post art school malaise, skint, maybe a little jealous…
Brezel: Françoise imagined people being like this. I mean, she was not at all like this. It’s a story, she saw herself, yet who she described is not herself, but the main person is somehow monstrous and she was amusing herself with this and I even exaggerated that. And it is the story of someone who moved on and left behind. I think these are very human qualities, even when it’s negative, that’s interesting.
Florence: You masterfully plug in all these genre riffs, Russ Meyer here, a little John Waters there, a DIY punk gig footage feeling there, but there’s heavy, tender emotions, laden with a bounce of comedy and self deprecation. But it is true, especially when people are making art, it can be very like, oh they’re doing well, but I’m fucked, still not making ends meet. But then it’s like, well, what does doing well mean anyway when you are creative?
Brezel: Yeah, people get nervous and they get jealous. But that’s what’s interesting.
Florence: And so for the casting, was that clear in your mind, who was going to play what role, who you wanted on board with the project?
Brezel: I’m working from a community I’m always making art with, the energy of the people around me I collaborate with. So we have Mücke, Twiggy, Anton and from my band, there’s Lilith, who had started making music with me and Chang Wang, she’s playing the drums. With both of them, I already had a very good relationship. I had so much confidence because I know them so well, like, how they react in a stressful situation. So they were just perfect for me. And the way we were making music was like three little cats playing together. With Lilith, she’s a fantastic professional actress who I love watching anyway and so I already had these two but I didn’t know what roles they could play. I recommended another friend for the gay guy and a long time friend I wanted to play something with. I started to change my script, creating different versions, swapping about the characters for each person. Everyone was in every position. I think one week before we went to shoot in Palermo I decided that Twiggy is playing the young guy everyone is in love with. Then I thought, if I paint Chang Wang a little mustache, well, she’s the gay guy. And my girlfriend Tiffy has a daughter who sometimes brought her friend Mücke when we were eating out and I always thought she had a very interesting face and a very extreme voice. And so one week before I asked my girlfriend’s daughter, do you think your friend could play in my movie? She agreed, but I had to talk to her mother because she was 17 at this time. Everything was agreed by her parents, I had to sign some papers and so she came along and the cast was completed.
Florence: And why Palermo? Did Françoise always write that in?
Brezel: In the 90s we went to Lanzarote, where she wrote her story’s location. At this time the island was a little bit run down. I looked at photos of it now and I thought, wow. It’s gone more upmarket, not as rough and tumble as we need. When I got the idea to make this movie, I was on holiday with my girlfriend in Palermo. It was her idea to go there and it’s a wonderful place. Tiffy was reading me the beach guide threads from the internet; there were certain beaches, reviewed by Germans, saying how rough they were. And she was laughing very hard because they were saying how gross it is. We were like, this is the place. And when we went there, it was even worse than they described it! And so I said, we’re not going to Lanzarote. Also, as financing was not clear, I said, look, 120 euro flights, we can all get to Palermo, I now know all the good places to shoot. Tiffy made me a map of everything, where I wanted to film – all within walking distance. So we didn’t need to get cars or bicycles etc. We could walk everywhere. Then she found us this beautiful flat with so many different rooms we could film all the in-house.
Florence: And did you do a script, storyboarding?
Brezel: No storyboard. I went into one room, put everything where I thought it should be, asked the others in, played the scene and sometimes even while they were filming the scene I went over to the next room decorating there. Then Stephan would roll the camera, find the right light, the right composition, and make it happen. I mean, we didn’t even have lights. Most of the time it’s that beautiful sun, there was a lot of light in the apartment, even if the walls were incredibly white. I had one bag with accessories my girlfriend bought for me and so I just put them up, hid what was ugly and then we were fine – it was not really planned.
Florence: What about costumes? Everyone looks great.
Brezel: My thinking about the costume and art department started one week before. Everyone involved, they’re always dressed very well. There’s a lot of self-made costumes, no one can make it look as original as the people who were part of the project. I thought this was perfect. Two days before we were going to Palermo, I asked everyone to come over and bring maybe five costumes; for traveling, the cold, the beach and one for a party. Everyone brought their costumes and then the daughter of my girlfriend, she was with us all the time, took a photo of everyone with a number. These numbers were connected to the scenes in my script so I just had to say to them, ok, we’re getting costume number five. It was very hard for the cast because they had to get dressed on the street, there was no film crew setup, but they didn’t care, they changed and then it was onto the next scene so we could be very quick. On the beach we filmed whole different scenes. I love it.
Florence: A real communal effort?
Brezel: I mean, Lilith, she has a lot of knowledge about theatre and film and she helped me a lot. For example, she said, there’s always a red dress when there’s tragedy. That’s great, that’s true. And I said, in one scene, because you’re mad at the others you go into your room. Then she said, no I’m not going into my room, I’m going into the cupboard of my room. That’s brilliant. She was a big help with a lot of things I would have never thought of. Also Stephan, who did the camera, was a big help because I get lost sometimes, thinking that things should go in another way, not in a good way. I saw him filming from really weird angles and said to him, Stephan, can we film this scene again? So we went back the next day, which is a lot of work because we only had four days, and filmed it again from my perception, from two meters high. Calmly he agreed, the only scene we filmed twice. Later when we cut the movie, I saw the one that I had perceived, which looked really boring. And then the one from Stephan, shot from underneath, you could see all four faces in the frame at a really good angle, you could see something of the city behind, the light was beautiful, there were little details and I thought wow, without him there would be nothing. It’s a lovely collaborative community, Stephan and Lilith brought a lot. Stephan has a very good eye, that’s why I initially asked him for camerawork because I see the way he’s reacting to so many details I would never have thought about. With Lilith it’s this vast knowledge of performance, and also what she can do with her face and her voice, creating a prolongation of the personality that she’s playing. I have to say this is a big part of the film and it’s not made by me or invented by me. It came up by the people who are in it.
Florence: It makes sense for you and your body of work over the decades. What I felt after watching, and I messaged Stephan straight after the February private screening and all I could say was what a wild trip I’d been on, yes there’s all these plays on genre and a punk energy to it, but there was this really sincere tenderness to the film as well. Obviously people are being devious tricksters to one another and there’s jealousy and unresolved feelings, there’s a lot of comedy, but beneath it, a kinship, the good and the bad of friendship. This through line throughout the film really comes across. It’s great that it’s been released in summer, because I feel like it’s a hot summer film.
Brezel: Stephan said the same and I thought, why not in winter? Warm people up. But I totally see it now.